Berlin ist knorke. Nicht immer ist dort alles so riesig, wie der gewöhnliche Tourist meint. Jenseits vom Brandenburger Tor lebt Mensch schließlich nicht im Schloss Bellevue, sondern in seinem Kiez. Und diese Kieze sind alle sehr verschieden. Ich war diesmal zum wiederholten Mal am Mexikoplatz gelandet, weil ich beim Osterlauf den nahe gelegenen Schlachtensee umrunden wollte. Zudem verläuft dort die S1, eine Linie, die zu Recht bereits ein ganzes Buch gewidmet wurde (dahlemer verlagsanstalt). Schließlich führt die S1 vom Wannsee direkt zum Brandenburger Tor und weiter nach Frohnau und Oranienburg, da lohnt sich an jeder Station das Aussteigen. Ich nahm die Bahn, um abends zur Lesung oder ins Schlossparktheater zu gelangen, kurzweilige Ausflüge mitten in den Steglitzer Trubel. Und dann zurück zum Schlachtensee, große Villen, Ruhe und der wunderbare See.
Die Lauf-Organisatoren hatten die Definition von Ostern etwas großzügig ausgelegt und so starteten wir am Samstag nach Ostern um den See. Wahlweise ein, zwei oder maximal fünf Runden. Das nennt sich dann „Bigfive“ und klingt irgendwie sportlicher als eine große Fünf. Die Nacht vor dem Start rutschte das Thermometer unter Null Grad und mich überkamen Zweifel, ob ich mit der kurzen Hose überleben würde, aber Petrus hatte ein Einsehen, schickte Sonne satt und alles war gut.
Die Veranstaltung ist für Berliner Verhältnisse eher unauffällig, ein paar Bierbänke und ein unbewachtes Zelt für die Kleider waren neben dem Start- und Zielbogen das einzige Kennzeichen, dafür, dass nun gleich Scharen um den See rennen würden. Wobei auch diese Gruppengrößen überschaubar waren. Die 27 km liefen mit mir nur zwölf Frauen und ungefähr 25 Männer, die kürzeren Strecken fanden mehr Zuspruch. Ich kannte das schon vom Nikolauslauf an derselben Stelle. Wer sich für die Bigfive entscheidet, durchlebt auf alle Fälle auch ein mentales Training. Die Schlachtenseerunde führt nämlich am Wendepunkt immer durch das Fischerhüttenlokal. Anfänglich erwartete uns dort Musik und rauschender Applaus, aber mit fortschreitender Zeit überwogen die Menschen, die sich gerade mit Bier und Pommes erfrischten und ein bisschen mitleidig auf die schwitzenden Sportskanonen blickten.
Ich war sehr dankbar für die zwei Personen, die mir auch beim Aufbruch in die letzte Runde Beifall spendeten. Man läuft dann Richtung Zielbogen und statt zum Ziel abzubiegen, geht es rechts herum erneut auf den Wanderweg. „Krass“, rief mir ein erschöpfter Halbmarathoni zu, der schon entspannt im sonnigen Gras lag und einen Augenblick fühlte es sich auch krass an, der Aufbruch in eine neue Welt.
Es gab nun deutlich weniger Mitlaufende auf der Strecke, dafür mehr Spaziergänger, vorzugsweise mit Hund und ohne Verständnis dafür, dass wir kein Hundeleinen-Hopping machen wollten. Andere führten ihr Handy spazieren und erzählten ihrer Umgebung genauso viel wie dem Gesprächspartner. Im See schwammen ein paar kälteresistente Menschen und auch Schwäne und Enten, sprich, es gab immer etwas zu sehen.
Die letzten Kilometer am Hochufer entlang zogen sich wie Kaugummi, ich schielte auf die Uhr und bemerkte, dass ich deutlich schneller unterwegs war als beim letzten Mal. Aber so ein paar Minuten können sich auf wurzeligen Wegen und mit ausgedörrter Kehle durchaus pulverisieren. Dann war es endlich soweit, es reichte noch für einen Zielsprint und an den Medaillen traf ich die Frau wieder, die ich am Vortag nach der Startnummernausgabe gefragt hatte. Berliner Kiez eben. Es gab eine Medaille in Eierform, die Siegerehrung war lange vorbei, obwohl ich meine Altersklasse mit 2:37::21 Std gegen die nicht vorhanden Konkurrenz souverän gewonnen hatte. Die Sonne schien, meine Jacke lag noch im Zelt und einer sagte „Hier klaut doch keiner was.“ Auch das ist also Berlin.
11.4.2026
