Es war Sommer, plötzlich und intensiv. 34 Grad ist nicht die ideale Temperatur für ein Lauftraining. Was tun? Im Schatten liegen ist nicht mein Hobby. Also beschloss ich um vier Uhr morgens zu starten. Ziel: Halde Hohward und Sonnenaufgang.
„Willst du mit?“, fragte ich Sahir. „Ja, super, 15 Kilometer, das ist kein Problem.“ Dann sah er sich den Track an und stellte fest, dass wir nach 15 Kilometern auf der Halde waren. Da fährt dann kein Bus zurück. Aber zwei Mal 15 ist nicht so lang wie 30. Wir waren verabredet.
Eine Gruppe Partygäste kam uns entgegen, als wir durch die morgendliche Innenstadt trabten, vorbei am Rotlichtviertel und dann hinauf zur Erzbahntrasse. Da kreuzte als erstes ein Fuchs unseren Weg. Dann ging es entlang der kleinen Laternen im Dämmerlicht dahin. Mit 23 Grad war es auch um diese Zeit nicht wirklich kühl, aber wir kamen gut voran.
Park, Wald, Stadt, Gespräche.
Schon tauchte die Halde mit ihrem weithin sichtbaren Horizontobservatorium auf. Das harrt schon seit Jähren auf eine Restaurierung, aber so ein bisschen Bauzaun konnte unseren Blick Richtung Sonnenaufgang nicht trüben,.
Gipfelwind, Aussicht auf das grüne Ruhrgebiet und dann wieder auf nach Hause. Wir trafen nun erste Menschen (die dachten, sie seien früh dran) und blaue Pferde. Das war keine Läufer-Halluzination, sondern Teil des Emscherwegs. Weil es uns vertraut vorkam,, bogen wir Richtung Rhein-Herne-Kanal ab . Später realisierten wir, dass wir uns damit ein paar Zusatzkilometer eingebrockt hatten.
Bei Kilometer 23 stellte Sahir fest: „Jetzt bin ich wach.“ Morning has broken.
Es lagen noch 13 Kilometer vor uns, als uns eine elektronische Nachricht von Günni an den Lauftreff erinnerte. Samstag :8:30 Uhr am Schauspielhaus ist eigentlich ein Pflichttermin. Und nun machte sich in unseren ausgedorrten Gehirnen der Gedanke breit, dass wir natürlich auch heute pünktlich dort erscheinen wollten.
Mein Körper kochte allmählich, während Sahir immer leichtfüßiger lief. Die Rettung kam in Form eines Wasserhahns an der Erzbahnbude. Trinken, Kopf und Beine mit dem kühlen Nass versorgen. Schon waren wir zwei neue Menschen. Schritt für Schritt schraubten wir uns über die Trasse, die unterdessen im Sonnenlicht glühte. Noch eine Ampel, ein Stückchen bergauf, bergab, nochmal bergauf, die letzte Ecke, dann sahen wir die vertrauten und nun ziemlich verblüfften Lauftreff-Gesichter. Wieso wir schon so schwitzten? 37 Kilometer auf der Uhr. „Den Marathon können wir doch noch voll machen“, stellte Sahir munter fest, Er war ja auch erst seit 14 Kilometern wach. Wir holten Wasser für ihn und das Fahrrad für mich, dann rollte ich ganz entspannt die letzten Kilometer hinter ihm her.
Duschen, Frühstück, Schatten. Und das Gefühl, die Welt erobert zu haben. Die Abenteuer liegen vor der Haustür, man muss nur rechtzeitig aufstehen, um sie zu entdecken.
VIGLi, 20. Juni 2026
