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Zum Automaten und andersherum

Zum Automaten und andersherum

Gletscher und Gipfel, davon kann jeder erzählen, der sich dem Alpenverein angeschlossen hat. Aber wer hat schon einmal Murmeln im Wald gekauft? Um das als Highlight zu feiern, muss allerdings zugegebenermaßen vorher schon einiges passiert sein. In diesem Fall starteten wir sonntags um 9:47 Uhr mit der Bahn ab Bochum Hauptbahnhof. Das war die erste Überraschung, die Bahn fuhr pünktlich. In Hohenlimburg regnete es dann genauso wie in Bochum, das war auf dem Online-Radar nicht zu sehen. Also atmeten wir die Wolken weg und machten uns vergnügt auf den Weg in Richtung Schwerte. Manche hatten einen Schirm, die anderen glaubten an das Internet.

Holger ist für sein Harem bekannt, diesmal hatte er zusätzlich männlichen Beistand und mit insgesamt 13 Personen stapften wir bergauf in den Wald. Mit ungefähr zwölf Leuten wollten wir das Ziel erreichen, weil dreizehn schließlich eine Unglückszahl ist und bekanntlich ein Kaffeeservice 4-, 8- oder 12-teilig ist, aber niemals eine ungerade Zahl hat. Und um den Kaffee ging es schließlich. Wer mit Holger wandert weiß, dass er nicht nur Wege sondern vor allem Cafés ausfindig macht. Was ist schon der ganze Wald ohne Torte wert?

Es gab dann bald eine schnellere und eine etwas langsamere Gruppe, außerdem ein Grabensalto während der Trinkpause, aber irgendwie haben wir doch alle wieder gerettet. Zudem baute Holger immer wieder kleine Schleifen ein, die Vorderen stapften mit ihm zum Beispiel bergab, dann rief er: „Ist doch verkehrt hier“ und daraufhin waren die Letzten die Ersten. Bergführertrick.

Im Wald gab es vor allem Bäume zu sehen, doch plötzlich entdeckte ich ein rotes Viereck und phantasierte, dort erwarte uns ein Kaugummiautomat. Was ich mir nicht hätte träumen lassen: Ich hatte Recht. Statt Kaugummis ließen sich für 20 Cent Murmeln erwerben und wer 50 Cent investierte erhielt eine Kapsel mit Wildblumensamen. Geld einstecken, meditatives Kurbel drehen und dann eine runde Belohnung. Da wollten alle einmal dabei sein. Hinter dem Automaten lugte aus dem Grün eine Villa hervor, wahrscheinlich wohnt dort der Millionär, der sich daran freut, wie die Wanderer immer wieder ehrfurchtsvoll ihr Geld versenken, was sie irgendwo in der Stadt, an einem Bahnhof niemals gemacht hätten. Aber nach einem 15-Kilometer-Marsch eine Wildblumenmurmel im Wald zu kaufen, das hat etwas Magisches.

Beschwingt von unserem Einkaufsbummel ging es weiter durch den Matsch, hügelauf, hügelab. Am höchsten Punkt gab es zwei Halbe. Damit meine ich nicht das Oktoberfestbier sondern die Windräder, die zur Hälfte im Nebel verschwanden. Danach gab es noch Aussicht auf Hecken, Herbstwald, zwei Rehe und die Häuser des nächsten Orts. Wir durchschritten Villigst, trabten an der lieben Ruhr entlang und erreichten schließlich Schwerte.

Weil Holger nicht sicher war, ob der Stadtbäcker geöffnet hatte, versuchten wir es in der berühmten Rohrmeisterei. Edle Polster, lila Lichter und jemand sang Happy Birthday. Vielleicht hätte uns das stutzig machen sollen, aber die Räumlichkeiten sind so groß, dass dort durchaus mehrere Geburtstagspartys gleichzeitig stattfinden könnten. Jedenfalls wenn das personell eingeplant gewesen wäre. Es gab Apfelkuchen und Käse-Schmand zur Auswahl, also bestellten wir Apfelkuchen und Käse-Schmand sowie jeder ein Kaffeegetränk. Es war gemütlich, wir konnten die Füße ausruhen, die erste Wartezeit wurde uns nicht lang.

Dann kamen die Cappuccinos und Americanos. Wir betrachteten unsere Tassen freudig, wollten geduldig noch den kleinen Moment abwarten bis die Kuchenstücke daneben lagen. Dann fing eine an, den Milchschaum vom Koffein zu löffeln, die nächste nahm zwei Schlucke. Wir rührten vorsichtig in der braunen Flüssigkeit, nahmen noch ein Schlückchen, bis jemand sagte: „Kalter Kaffee schmeckt nicht!“ Wir nickten alle und tranken unsere Tassen leer. Die weitere Wartezeit überbrückten wir mit dem Versuch, die Tischleuchten zum leuchten zu bringen. Wir hatten bereits die Bedienungsanleitung aus dem Internet heruntergeladen, da tauchte die Bedienung mit den Tortenstücken auf. Drei hatten den Kuchen mit Sahne bestellt, welche aber fehlte. „Ja, heute ist alles andersherum“, erklärte die Kellnerin. Woraus ich schließe, dass normalerweise erst die Sahne kommt, dann der Kuchen und zum Schluss der Kaffee.

Im Magen hatten wir schließlich alles zusammen und konnten die Schlussstrecke zum Bahnhof bewältigen. Während wir uns Gruselgeschichten vom Bahnfahren erzählten, traf die Regionalbahn wiederum pünktlich ein und brachte uns Plaudernde nach Hause.

Spätestens, wenn die Wildblumen aus den Murmeln blühen, werden wir uns wieder an diesen schönen Tag erinnern. Bestimmt werden es dreizehn Stück. Aber nicht gleichzeitig, sondern schön nacheinander.

VIGLi. 18.10.2026