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Pommes gucken mit dem Alpenverein

Pommes gucken mit dem Alpenverein

Wenn Holger ruft, folgt ihm sein Harem. Einzige Bedingung: Es gibt Kuchen. Diesmal hat er mit dieser Methode auch noch zwei Herren überzeugt. Schwarzwälder-Kirsch, Stachelbeer-Sahne und Käse-Baiser standen auf dem Programm für zwölf Wanderwillige. Damit die Kalorienbilanz stimmt, gilt es bei diesen Touren nämlich vor der Kaffeepause ausreichend zu wandern. 21 Kilometer waren angesagt, ein bisschen auf und ab, vielleicht wären es auch nur 19 meinte Wanderführer Holger unterwegs, also eigentlich fast ein Spaziergang.

Am Schluss hatten wir 25 Kilometer und 611 Höhenmeter auf der Uhr und es gab Teilnehmerinnen, die sich auch drei Kuchenpausen hätten vorstellen können.

Aber so ist das nicht beim Alpenverein. Wer mitgeht, muss kein Vereinsmitglied sein, aber er sollte wissen, dass wir alles gut finden, was mindestens entfernt an die Alpen erinnert. Felsen, Wald und plätschernde Bäche. Heute versuchte uns Holger auch direkt durch einen Wasserfall zu lotsen, aber wir nahmen dann doch lieber die provisorische Brücke. Trockene Schuhe sind etwas feines. Das Wasser hatten wir am Anfang von oben, aber so ein bisschen Regen kann den ernsthaften Kuchenwanderer nicht erschüttern. Eine Weile lauschten wir dem Knistern unserer Regenkapuzen, dann beschlossen wir uns lieber miteinander zu unterhalten, Petrus hatte ein Einsehen und stellte den Regen ab. Stattdessen gab es Wald- und Wiesenpfade mit beflügelnder Aussicht über das Hügelland. Allerdings mussten wir lernen, dass die Markierungen des sauerländischen Gebirgsvereins gelegentlich hinter privaten Gartenzäunen entlang führen. Die Schlüsselbesitzerin warf uns einen abschätzigen Blick zu und sagte, so eine Gruppe würde sie niemals dadurch lassen, es ließe sich dieser Wald leicht umgehen. So wanderten wir eben auf der Autostraße, bestimmt hatten wir dort die bessere Aussicht, wo nicht so viele lästige Bäume davor standen.

Die erste Rast machten wir am Berger Hof, aber natürlich nicht, um uns dort der reichhaltigen Speisekarte zu bedienen, sondern nur, um über den vollen Parkplatz zu lästern. Und während reihenweise golden leuchtende Pommes-Portionen an uns vorbei getragen wurden, öffneten wir unsere Rucksäcke. So ein gut durchgeschütteltes Brötchen ist doch auch eine Delikatesse.

Nachdem wir die Pommes dann lange genug besichtigt hatten, ging es weiter bergauf und plötzlich waren wir nur noch elf.

Das war ein Glück, denn während wir warteten und debattierten und die Verlorengeglaubte telefonisch zu erreichen versuchten (ging nicht, wir waren im Wald und zwischen Hügeln, empfingen gute Luft aber kein Telefonnetz) bemerkte Holger, dass wir auf der falschen Fährte waren und zurückgehen mussten. Das war insofern besonders von Vorteil, da es genau dort einen Wanderzählerautomaten gab, der nun innerhalb kurzer Zeit zwei Mal elf Zweibeiner erfasst hat. Wenn also demnächst Investitionen in den Wegeausbau getätigt werden, haben wir unseren Beitrag geleistet.

Als wir die richtige Route wieder hatten, waren wir auch erneut zu zwölft und von nun an wurde an jedem Abzweig durchgezählt, sich abzusetzen hätte also nur noch funktioniert, wenn man einen Ersatzwanderer aufgetrieben hätte.

Außer schöner Landschaft bekamen wir noch ein paar verlassene Autos zu sehen, die malerisch dahin rotteten und die Deilbachmühle bzw. deren Reste. Die alte Mühle und das 1723 erbaute Backhaus waren jahrelang als beliebtes Ausflugsziel mit Restaurant bekannt. 2009 brannten aber alle Gebäude lichterloh. Der Besitzer galt als Verdächtiger, konnte aber aus Mangel an Beweisen nie überführt werden. Nun streckt dieser verlassene Ort seine brüchigen Mauerreste anklagend in die Landschaft. 2013 gab es laut Presseberichten eine Abrissgenehmigung, aber offensichtlich hat die niemand umgesetzt.

Weitere Fundstücke am Wegesrand waren ein toter Marder, ein Instagram-Kormoran (weil er so schön die Flügel reckte) und Schafe, die mit ihren Langhaarfrisuren wie Hippies aussahen.

Den begehrten Kuchen gab es dann mitten im Wald und mit bester Aussicht. Unter dem Schild „Lecker Pause“ standen Getränke und Torten bereit und als die Bäckersfrau sah, dass wir ihre Sparbüchse füllten, kam sie auch gleich durch den Garten gewandert, um Nachschub zu bringen. Offiziell enden die Holger-Touren immer beim Kaffee trinken, so waren dann die vier Kilometer bis zum Bus eigentlich nur die Sahnehaube auf einen wunderschönen Tag.
13.3.2025